Zeittafel zur Geschichte der Russlanddeutschen

Zeittafel zur Geschichte der Russlanddeutschen

Anmer­kung: Bis zum 1. Febru­ar 1918 sind alle Daten der rus­si­schen Geschich­te nach dem Julia­ni­schen Kalen­der (alter Stil) ange­ge­ben. Ab dem Jahr 1900 betrug der Unter­schied zu dem im Wes­ten gel­ten­den Gre­go­ria­ni­schen Ka­lender 13 Tage. Des­halb wur­de in der Sowjet­uni­on zum Bei­spiel der Tag der bol­sche­wis­ti­schen Macht­er­grei­fung, die so genann­te Okto­ber­re­vo­lu­ti­on, die am 25. Okto­ber 1917 (A.S.) statt­fand, am 7. Novem­ber (25. Okto­ber plus 13 Tage) gefei­ert.

1652
End­gül­ti­ge Errich­tung der „Deut­schen Vor­stadt“ („Nemez­ka­ja slo­bo­da“) in Mos­kau.

1702
In einem Beru­fungs­ma­ni­fest sichert Peter der Gro­ße den ein­wan­de­rungs­wil­li­gen Mili­tärs und Fach­leu­ten Reli­gi­ons­frei­heit zu.

1727
In der neu­en rus­si­schen Haupt­stadt St. Peters­burg erscheint die ers­te deut­sche Zei­tung, die spä­te­re „St. Peters­bur­ger Zei­tung“ (ver­bo­ten 1916).

1763
22. Juli: Ein­la­dungs­ma­ni­fest der Zarin Katha­ri­na II., vor allem an Hand­wer­ker und Acker­bau­ern. Es beginnt die Zeit der Mas­sen­ein­wan­de­rung deut­scher und ande­rer Aus­län­der.

1764–1773
An der Wol­ga wer­den 104 deut­sche Sied­lun­gen (Kolo­ni­en) ange­legt, 45 auf der Berg­sei­te und 59 auf der Wie­sen­sei­te; 66 Kolo­ni­en sind luthe­risch, 38 katho­lisch. In Sara­tow kon­sti­tu­iert sich eine evan­ge­li­sche Gemein­de.

1765
Grün­dung der Herrn­hu­ter Kolo­nie Sarep­ta (heu­te Teil von Wol­go­grad); im Umkreis von St. Peters­burg ent­ste­hen die „Nörd­li­chen Kolo­ni­en“, in Neu­russ­land die Belo­we­scher Kolo­ni­en bei Kiew.

1789
In den Sied­lun­gen Chor­titza und Rosen­tal am Dnjepr ent­ste­hen die ers­ten Kolo­ni­en deut­scher Men­no­ni­ten in der Süd­ukrai­ne.

1800
Gna­den­pri­vi­leg Pauls I. für die Men­no­ni­ten.

1804–1824
Würt­tem­ber­ger, Pfäl­zer, Bade­ner und Elsäs­ser fol­gen dem Ein­la­dungs­ma­ni­fest des rus­si­schen Zaren Alex­an­der I. (1804) zur Ansied­lung am Schwar­zen Meer (Neu-­Russland, Bes­sa­ra­bi­en, die Krim).

1817–1818
Ein­wan­de­rung von würt­tem­ber­ger Separa­tis­ten in den Trans­kau­ka­sus.

1832
Gesetz über die evan­ge­lisch-luthe­ri­sche Kir­che in Russ­land.

1848
Grün­dung des katho­li­schen Bis­tums Tiras­pol mit Sitz in Sara­tow.

1853–1856
Deut­sche Sied­ler unter­stüt­zen die rus­si­schen Trup­pen­tei­le im Krim­krieg tat­kräf­tig bei der Ver­sor­gung und Kran­ken­pfle­ge.

1861
In Russ­land wird die Leib­ei­gen­schaft auf­ge­ho­ben.

1863
Grün­dung der „Odes­sa­er Zei­tung“.
Deut­sche Ein­wan­de­rer aus Schle­si­en und Polen gehen als Sied­ler nach Wol­hy­ni­en.

1871
Auf­he­bung der staat­li­chen Son­der­ver­wal­tung der Kolo­nis­ten. Sie wer­den nun als „Sied­ler-Eigen­tü­mer“ Teil des rus­si­schen Bau­ernstandes. Deut­sche Dör­fer und Land­krei­se behal­ten die inne­re Selbst­ver­wal­tung, unter­ste­hen jedoch seit­her der all­ge­mei­nen Ver­wal­tung auf Gou­ver­ne­ments- und Bezirks­ebe­ne.

1874
Ein­füh­rung der all­ge­mei­nen Wehr­pflicht. Ers­te Aus­wan­de­rungs­wel­le nach Über­see.

1882–1914
Grün­dung zahl­rei­cher Toch­ter­sied­lun­gen in Tur­ke­stan, in der kasa­chi­schen Step­pe, in Sibi­ri­en und im Süd­ural.

1887
Erlass über die Begren­zung des Grund­be­sit­zes für Aus­län­der in den rus­si­schen West­gou­ver­ne­ments.

1895
Ver­bot der Ver­ga­be von Kre­di­ten der Bau­ern­bo­den­bank an deut­sche Sied­ler-Eigen­tü­mer.

1897
Zwangs­rus­si­fi­zie­rung: abrup­te Umstel­lung in deut­schen Dorf­schu­len auf den Unter­richt der meis­ten Fächer in rus­si­scher Spra­che. Nach 1907 teil­wei­se zurück­ge­nom­men.

1905
Ers­te rus­si­sche Revo­lu­ti­on, Unru­hen und Auf­stän­de auf dem Lan­de und in den Städ­ten.
17. Okto­ber: Zar Niko­laus II. ver­kün­det die Ein­füh­rung einer gesetz­ge­ben­den Reichs­du­ma und die Gewäh­rung bür­ger­li­cher Grund­rech­te.

1906
Grün­dung der „Sara­to­wer Deut­schen Zei­tung“, 1914 ver­bo­ten und 1917/1918 kurz­zei­tig wie­der erschie­nen.

1914
Nach Aus­bruch des Ers­ten Welt­krie­ges wer­den die Deut­schen in Russ­land zahl­rei­chen Restrik­tio­nen unter­zo­gen, obwohl unge­fähr 300.000 von ihnen in der rus­si­schen Armee Dienst leis­ten.
18. August: Die Haupt­stadt St. Peters­burg wird in Petro­grad umbe­nannt

1915
„Liqui­da­ti­ons­ge­set­ze“. Deut­scher Land­be­sitz soll in einem 150 Kilo­me­ter tie­fen Grenz­strei­fen zwangs­­ver­äu­ßert und rus­si­schen Bau­ern gege­ben wer­den.
Die Mili­tär­ver­wal­tung ord­net Depor­ta­tio­nen der Deut­schen aus den front­na­hen Gou­ver­ne­ments ins Lan­des­in­ne­re an; vor allem die Deutsch­bal­ten und Wol­hy­nier sind davon betrof­fen.
26.–29. Mai: Anti­deut­scher Wirt­schafts­po­grom in Mos­kau mit meh­re­ren Toten und Ver­wun­de­ten.

1917
Liqui­da­ti­ons­ge­setz­ge­bung soll sich prak­tisch auf das gan­ze Land erstre­cken.
27. Febru­ar: Bür­ger­li­che demo­kra­ti­sche Revo­lu­ti­on stoppt wei­te­re Zwangs­aus­sied­lun­gen und -ent­eig­nun­gen.
Kon­gres­se der Russ­land­deut­schen in Mos­kau, Sara­tow, Warenburg/Wolga, Slawgorod/Sibirien und Odes­sa.
25. Okto­ber: „Okto­ber­re­vo­lu­ti­on“, Macht­er­grei­fung der Bol­sche­wi­ki.

1918
3. März: Frie­den von Brest-Litowsk mit gegen­sei­ti­ger Repa­tri­ie­rungs­klau­sel für rus­sisch­stäm­mi­ge Bür­ger in Deutsch­land bzw. deutsch­stäm­mi­ge Bür­ger in Russ­land.
19. Okto­ber: Der Rat der Volks­kom­mis­sa­re geneh­migt per Dek­ret die Errich­tung einer Gebiets­au­to­no­mie (Arbeits­kommune) der Wol­ga­deut­schen.

1919
Juli-August: bewaff­ne­te Erhe­bung der deut­schen Bau­ern­schaft in Groß­lie­ben­tal, Kreis Odes­sa, gegen bol­sche­wis­ti­sche Lebens­mit­tel­ein­trei­bun­gen und Mobi­li­sie­run­gen.
Okto­ber-Dezem­ber: Plün­de­run­gen, Brand­schat­zun­gen, Raub, Ver­wüs­tun­gen, Ver­ge­wal­ti­gun­gen und meh­re­re hun­dert Mor­de gehen auf das Kon­to der Ban­den des Anarchis­ten Mach­no, insbeson­dere in den Men­no­ni­ten-Sied­lun­gen der Süd­ukrai­ne.

1921
Auf Revo­lu­ti­on und Bür­ger­krieg folgt in Russ­land eine gro­ße Hun­gers­not, ver­ur­sacht in ers­ter Linie durch fal­sche Wirt­schafts­po­li­tik mit rück­sichts­lo­sen Nah­rungs­mit­tel­ein­trei­bun­gen, von denen die deut­schen Dör­fer an der Wol­ga und im Süden des Lan­des hart getrof­fen wer­den.
März-April: Hun­ger­auf­stän­de in meh­re­ren wol­ga­deut­schen Dör­fern, die bru­tal nie­der­ge­schla­gen wer­den.
März: Unter dem Ein­druck der lan­des­wei­ten Unru­hen und Bau­ern­auf­stän­de beschließt die Sow­jetführung einen Über­gang zur „Neu­en Öko­no­mi­schen Poli­tik“ (NÖP, 1921–1928).

1923
Grün­dung des All­rus­si­schen Men­no­ni­ti­schen land­wirt­schaft­li­chen Ver­eins (auf­ge­löst 1928).

1924
20. Febru­ar: Auf­wer­tung des auto­no­men Gebie­tes zur Auto­no­men Sozia­lis­ti­schen Sowjet­re­pu­blik der Wolga­deutschen (ASSRdWD) mit Pok­rowsk, dem spä­te­ren Engels, als Haupt­stadt.

1926
Laut Volks­zäh­lung leben in der Sowjet­uni­on 1.238.549 Deut­sche, davon in der Ukrai­ne 393.924, in der ASSRdWD 379.630, auf der Krim 43.631 usw.
In Mos­kau erscheint die „Deut­sche Zen­tral­zei­tung“ (DZZ), die bis 1939 exis­tiert.

1929
Beginn der Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der selb­stän­digen Bau­ern­wirt­schaf­ten, ver­bun­den mit der rest­­losen Ent­eig­nung der wohl­ha­ben­den Bau­ern („Kula­ken“) und ihrer Ver­ban­nung nach Ka­sachs­tan und in den Hohen Nor­den.

Als Pro­test gegen Ent­eig­nun­gen und reli­giö­se Ver­fol­gun­gen bre­chen im Novem­ber und Dezem­ber an die 14.000 Deut­sche, zumeist Men­no­ni­ten, mit ihren Fami­li­en auf. Sie for­dern freie Aus­rei­se aus dem Land. Ins­ge­samt gelingt es 5.671, über Deutsch­land nach Ame­ri­ka aus­zu­wan­dern.

 

1930
6. Janu­ar: Offi­zi­el­le Eröff­nung der ers­ten Hoch­schu­le mit deut­scher Unter­richt­spra­che, des Deut­schen Pä­dagogischen Insti­tuts in Engels.

1932–1933
Zwei­te gro­ße Hun­gers­not an der Wol­ga, in Kasach­stan und in der Ukrai­ne; eine Fol­ge der über­stürz­ten Kol­lek­ti­vie­rung, die beson­ders die Land­be­völ­ke­rung trifft.

1936
Nach einem Regie­rungs­be­schluss über die Aus­sied­lung von 15.000 pol­ni­schen und deut­schen Haus­hal­ten aus der Ukrai­ne wer­den 69.283 Per­so­nen aus den Grenz­ge­bie­ten nach Kasach­stan ver­bannt; Polen machen dabei mit etwa 75% das Gros der Zwangs­aus­ge­sie­del­ten aus.
5. Dezem­ber: Annah­me der so genann­ten Sta­lin­schen Ver­fas­sung, die direk­te oder indi­rek­te Beschrän­kun­gen der Rech­te von Per­so­nen auf­grund ihrer Volks­zu­ge­hö­rig­keit oder Pro­pa­gie­rung von Natio­na­li­tä­ten­hass unter Stra­fe stellt.

1937–1938
Die sowje­ti­sche poli­ti­sche Straf­jus­tiz ver­ur­teilt in die­sen zwei Jah­ren 1.372.382 Per­so­nen, von denen 681.692 erschos­sen wer­den. Nach bis­lang ver­öf­fent­lich­ten Opfer­lis­ten und Schät­zun­gen der rus­si­schen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on „Memo­ri­al“ kos­te­te der „Gro­ße Ter­ror“ etwa 55.000 Deut­schen das Leben
12. Dezem­ber 1937: Neun Wol­ga­deut­sche in den Obers­ten Sowjet der UdSSR, das „obers­te Organ der Staats­ge­walt“, gewählt.

1939
Die Anfang des Jah­res durch­ge­führ­te Volks­zäh­lung regis­triert in der Sowjet­union 1.427.232 Deut­sche oder 0,8 Pro­zent der Gesamt­be­völ­ke­rung des Lan­des.

1939–1940
Auf­grund der gehei­men Abspra­che der bei­den Dik­ta­to­ren Sta­lin und Hit­ler annek­tiert die Sow­jet­union Bes­sa­ra­bi­en (gehör­te zu Rumä­ni­en), die West­ukrai­ne und West­weiß­russ­land (zu Polen) sowie die unab­hän­gi­gen bal­ti­schen Staa­ten Est­land, Lett­land und Litau­en. Die dort ansäs­si­ge deut­sche Min­der­heit votiert in über­wie­gen­der Mehr­heit für Deutsch­land („Ver­trags­um­sied­ler“).

1941
22. Juni: Angriff von NS-Deutsch­land auf die Sow­jetunion.
28. August: Ver­ab­schie­dung des Erlas­ses über die Aus­sied­lung der Deut­schen aus den Wol­ga­re­gio­nen. Damit lega­li­siert das Prä­si­di­um des Obers­ten Sowjets der Sowjet­uni­on die Depor­ta­ti­on sei­ner deut­schen Bür­ger, die zu die­ser Zeit bereits voll im Gan­ge ist. Es kommt zur Auf­lö­sung und Liqui­die­rung aller kul­tu­rel­len Insti­tu­tio­nen wie deut­sche Muse­en, Bib­liotheken, Thea­ter, Zei­tun­gen oder Ver­la­ge. Schlie­­­ßung oder Umpro­fi­lie­rung von Bil­dungs­stät­ten, Ver­bot des Unter­richts in deut­scher Spra­che.
7. Sep­tem­ber: Ter­ri­to­ri­um der ASSR der Wol­ga­deut­schen geht an die Gebie­te Sara­tow und Sta­lin­grad.

1942
Durch gehei­me Beschlüs­se des Staat­li­chen Ver­tei­di­gungs­ko­mi­tees vom 10. Janu­ar, 14. Febru­ar und 7. Okto­ber wer­den im Lau­fe des Krie­ges ca. 350.000 russ­land­deut­sche Jugend­li­che, Frau­en und Män­ner zur Zwangs­ar­beit mobi­li­siert.

1943–1944
Etwa 340.000 Schwarz­meer­deut­sche, die in den natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herr­schafts­be­reich gera­ten sind, wer­den beim Rück­zug der Wehr­macht in den Wart­he­gau umge­sie­delt und erhal­ten die deut­sche Staats­bür­ger­schaft („Admi­nis­tra­ti­vum­sied­ler“).
Eine Rei­he von Völ­kern, Tsche­tsche­nen, Kal­mü­cken, Krim­ta­ta­ren u.a., wer­den kol­lek­tiv des Vater­lands­ver­rats beschul­digt und nach Sibi­ri­en und Zen­tral­asi­en depor­tiert.

1945
8. Janu­ar: Regie­rungs­ver­ord­nung über die Rechts­stel­lung der Deut­schen und ande­rer depor­tier­ter Völ­ker. Ein­rich­tung von Son­der­kom­man­dan­tu­ren zur bes­se­ren Kon­trol­le der Son­der­sied­ler.
8. (9.) Mai: Bedin­gungs­lo­se Kapi­tu­la­ti­on des Deut­schen Rei­ches. Zwangs­re­pa­tri­ie­rung von ca. 210.000 „Admi­nis­tra­ti­vum­sied­lern“.

1948
26. Novem­ber: Ver­schär­fung der Bedin­gun­gen für Deut­sche und ande­re Son­der­sied­ler durch ein Dekret, das die Ver­ban­nung “auf ewig” fest­schreibt und für uner­laub­tes Ver­las­sen des Auf­ent­halts­or­tes 20 Jah­re Zwangs­ar­beit vor­sieht.

1953
5. März: Sta­lins Tod. Vor­sich­ti­ge Libe­ra­li­sie­rung der sow­jetischen Gesell­schaft, begin­nen­de Reha­bi­li­tie­rung der Opfer poli­ti­scher Jus­tiz, schritt­wei­se Ver­bes­se­rung der Lage der depor­tier­ten Völ­ker.

1954
5. Juli: Regie­rungs­be­schluss „Über die Auf­he­bung eini­ger Ein­schrän­kun­gen in der Rechts­stel­lung der Son­der­sied­ler“.

1955
22. Febru­ar: Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land erkennt Ein­bür­ge­run­gen aus der Kriegs­zeit an.
9.–13. Sep­tem­ber: Besuch von Bun­des­kanz­ler Kon­rad Ade­nau­er in Mos­kau. Auf­nah­me diplo­ma­ti­scher Bezie­hun­gen.
13. Dezem­ber: Erlass über die Auf­he­bung der Ein­schrän­kun­gen in der Rechts­stel­lung der deut­schen Son­der­sied­ler und ihre Befrei­ung von der Kom­man­dan­tur­auf­sicht.

1957
Die Wie­der­her­stel­lung der autono­men Gebie­te und Repu­bli­ken der Tsche­tschenen, Kal­mü­cken, Bal­ka­ren, Karat­scha­en und Ingu­schen führt zur offi­zi­el­len Besei­ti­gung des Ver­rats­vor­wur­fes, bringt eine begrenz­te mate­rielle Ent­schä­di­gung mit sich und bewirkt ein gewis­ses sprach­lich-kul­tu­rel­les und sozia­les Fort­kom­men die­ser Völ­ker. Dage­gen ver­wei­gert man den Deut­schen (und den Krim­ta­ta­ren) jeg­li­che sub­stan­ti­el­le Wie­der­gut­ma­chung.
In Mos­kau erscheint die über­re­gio­na­le deutsch­spra­chi­ge Zei­tung „Neu­es Leben“.

1958
8. April: Deutsch-sowje­ti­sche Über­ein­kunft über die Zusam­men­ar­beit der Rot­kreuz-Orga­ni­sa­tio­nen bei­der Län­der eröff­net Per­spektiven für die Familienzusammenfüh­rung

1964
29. August: Auf­grund zahl­rei­cher Pro­test­brie­fe und Ein­ga­ben erscheint ein Dekret über die Teil­re­ha­bi­li­tie­rung der Russ­land­deut­schen.

1965
Zwei Abord­nun­gen von Russ­land­deut­schen rei­sen nach Mos­kau und ver­su­chen ver­geb­lich, eine Wie­der­her­stel­lung der auf­ge­lös­ten deut­schen Auto­no­mie an der Wol­ga zu errei­chen. Ent­täu­schung und ver­stärk­ter Wunsch, in die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land aus­zu­wan­dern, um dort Glau­bens- und Gewis­sens­frei­heit, recht­li­che Gleich­heit und die erhoff­te sprach­lich-kul­tu­rel­le Umge­bung zu fin­den.

1970
In der Sowjet­uni­on leben laut Volks­zäh­lung 1.846.317 Deut­sche. 66,8% von ihnen geben Deutsch als Mut­ter­spra­che an; nur 316 Russ­land­deut­sche dür­fen aus­rei­sen.
12. August: Mos­kau­er Ver­trag zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der Sowjet­uni­on.

1971–1982
Über 70.000 Russ­land­deut­sche pro­fi­tie­ren von der Ost-West-Ent­span­nung. Sie dür­fen nach Deutsch­land aus­rei­sen.

1972
3. Novem­ber: Russ­land­deut­schen und Grie­chen wird neben den Bul­ga­ren und Arme­ni­ern auf der Krim per Ukas zuge­sagt, dass sie wie­der frei ihren Wohn­sitz wäh­len kön­nen.

1973
30. Sep­tem­ber: In Kara­gan­da, Kasach­stan, demons­trie­ren etwa 400 aus­rei­se­wil­li­ge Deut­sche, die mit Gewalt aus­ein­an­der getrie­ben wer­den.

1979
Schein­ver­such der Ein­rich­tung eines deut­schen auto­no­men Gebiets im Nor­den Kasach­stans.

1980
26. Dezem­ber: In Temir­tau, Kasach­stan, wird ein deutsch­spra­chi­ges Thea­ter eröff­net, das 1990 nach Alma-Ata umzieht und heu­te nur noch ein beschei­de­nes Dasein fris­tet, zumal die meis­ten Schau­spie­ler nach Deutsch­land aus­ge­reist sind.

1984
28. Dezem­ber: Das Polit­bü­ro des Zent­ralkomitees der KPdSU beschließt Maß­nahmen gegen die „pro­pa­gan­dis­ti­sche Kam­pa­gne im Wes­ten rund um die Lage der sowje­ti­schen Bür­ger deut­scher Natio­na­li­tät in der Sow­jetunion“.

1986
Im Dezem­ber fin­den schwe­re eth­ni­sche Unru­hen in der kasa­chi­schen Met­ropole Alma-Ata statt, die zum ers­ten Mal öffent­lich zur Spra­che kom­men. Sie die­nen als Aus­gangs­punkt für eine Aus­ein­an­der­set­zung mit zahl­rei­chen unge­lös­ten Natio­na­li­tä­ten­pro­ble­men des Lan­des, dar­un­ter auch der Fra­ge der deut­schen Min­der­heit.

1989–1992
Mas­si­ve Pro­tes­te an der Wol­ga gegen die Rück­kehr der Deut­schen und die Wie­der­her­stel­lung der auto­no­men Repu­blik.

1989
In der UdSSR gibt es laut Volks­zäh­lung 2.036.000 Deut­sche; nur 48,7% von ihnen geben Deutsch als Mut­ter­spra­che an.
Im März wird in Mos­kau die Uni­ons­ge­sell­schaft „Wie­der­ge­burt“ gegrün­det, die sich als ers­tes Ziel die Wie­der­errich­tung der deut­schen Auto­no­mie setzt.
14. Novem­ber: Erklä­rung des Obers­ten Sowjets der UdSSR „Über die Bewer­tung der Repres­sionsakte gegen Völ­ker, die gewalt­sam umge­siedelt wur­den, als unge­setz­lich und ver­bre­che­risch und über die Gewäh­rung der Rech­te die­ser Völ­ker“.

1990
9. Novem­ber: Ein Ver­trag zwi­schen Deutsch­land und der UdSSR ermög­licht u.a. deut­schen Sowjet­bür­gern die Pfle­ge ihrer natio­na­len, sprach­li­chen und kul­tu­rel­len Iden­ti­tät. Wird von Russ­land als Rechts­nach­fol­ge­rin der UdSSR über­nom­men.

1991
24. April: Russ­land erklärt mit dem Gesetz „Über die Reha­bi­li­tie­rung der repres­sier­ten Völ­ker“ die sei­ner­zei­ti­gen Repres­sio­nen gegen Russ­land­deut­sche und ande­re Völ­ker für gesetz­wid­rig und ver­bre­che­risch.
1. Juli: In der Regi­on Altai, Sibi­ri­en, wird der 1938 auf­ge­lös­te deut­sche Land­kreis Halb­stadt wie­der her­ge­stellt.

1992
8. Janu­ar: In einer Rede im Gebiet Sara­tow erteilt der amtie­ren­de Prä­si­dent der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on, Boris Jel­zin, den Auto­no­mie­plä­nen eine unmiss­ver­ständ­li­che Absa­ge.
17. Febru­ar: Erlass des Prä­si­di­ums des Obers­ten Sowjets der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on über die Grün­dung des deut­schen Land­krei­ses Aso­wo im Gebiet Omsk, Sibi­ri­en.
21. Febru­ar: Ukas „Über sofor­ti­ge Maß­nah­men zur Reha­bi­li­ta­ti­on der Russ­land­deut­schen“, in dem ein deut­scher natio­na­ler Ra­yon im Gebiet Sara­tow und ein deut­scher Land­kreis im Gebiet Wol­go­grad vor­ge­se­hen sind. Die­se Ent­schei­dun­gen blei­ben auf dem Papier.

1993
Nach dem Zer­fall der UdSSR und dem Rück­tritt Gor­bat­schows am 25. Dezem­ber 1991 haben sich die Akti­vi­tä­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­deut­schen in ihre Auf­ent­halts­or­te in der GUS und in Deutsch­land ver­la­gert. Die Aus­rei­se­zah­len errei­chen unge­ahn­te Aus­ma­ße von 200.000 und mehr pro Jahr und kön­nen auch durch das Kriegs­fol­gen­be­rei­ni­gungs­ge­setz vom 1. Janu­ar 1993 nicht gesenkt wer­den, da bereits zu vie­le aus­rei­se­wil­li­ge Bür­ger der GUS auf gepack­ten Kof­fern sit­zen.

1994
Der Prä­si­dent der Ukrai­ne, Leo­nid Kraw­tschuk, lässt die Nach­richt ver­brei­ten, 400.000 Deut­sche in ihren frü­he­ren Wohn­ge­bie­ten im Süden der Ukrai­ne auf­zu­neh­men, doch bereits am 14. April erklärt die deutsch­spra­chi­ge Zei­tung „Neu­es Leben“ in Mos­kau das Pro­jekt für geschei­tert.

1995
In Kiew wird die anläss­lich der 200-Jahr-Fei­er von Odes­sa 1994 kon­zi­pier­te Wan­der­aus­stel­lung „Geschich­te und Wir­ken der Deut­schen in Odes­sa und im Schwarz­meer­ge­biet“ prä­sen­tiert.

1996
Die Bun­des­re­gie­rung ver­sucht durch die Ein­füh­rung von Sprach­tests und ande­ren restrik­ti­ven Maß­nah­men die hohen Ein­wan­de­rungs­zah­len (1995: 172.181) zu dros­seln. In den fol­gen­den Jah­ren gehen die Zah­len kon­ti­nu­ier­lich bis auf unter 2.000 im Jahr 2012 zurück.

1997
Mai: Bun­des­kanz­ler Hel­mut Kohl bekräf­tigt bei einem Besuch in Alma­ty (Kasach­stan) die Posi­tio­nen der Bun­des­re­gie­rung, indem er die Deut­schen zum Ver­bleib in Kasach­stan ermu­tigt, gleich­zei­tig aber die Rechts­po­si­ti­on bestä­tigt, dass Deut­sche wei­ter­hin nach Deutsch­land aus­rei­sen dür­fen.
2. Sep­tem­ber: Bun­des­prä­si­dent Roman Her­zog eröff­net in Mos­kau ein Haus der Russ­land­deut­schen als Zent­rum der Begeg­nung von Deut­schen und Rus­sen. Mit deut­scher Hil­fe ent­ste­hen ähn­li­che Begeg­nungs­stät­ten auch im Raum Sankt Peters­burg, in Kasach­stan und im Altai­ge­biet.

1998
In der Nähe von St. Peters­burg wer­den die ers­ten Wohn­häu­ser für deut­sche Umsied­ler fer­tig.

1999
Der Nach­fol­ger von Dr. Horst Waf­fen­schmidt (CDU) im Amt des Beaufftrag­ten der Bun­des­re­gie­rung für Aus­sied­ler­fra­gen, Jochen Welt (SPD), ver­spricht kei­ne Kehrt­wen­de, aber neue Akzen­te in der Aus­sied­ler­po­li­tik in Rich­tung klei­ne­rer und geziel­te­rer Pro­jek­te.

2000
Wla­di­mir Putin löst Boris Jel­zin als Prä­si­dent der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on ab. Die Welt erwar­tet von ihm mehr Demo­kra­tie. Die Russ­land­deut­schen war­ten ab und rich­ten ihre Bli­cke wei­ter­hin in Rich­tung Deutsch­land.

2001
Papst Johan­nes Paul II. wen­det sich bei einem Besuch Kasach­stans an die Deut­schen und sagt: “Durch eure Leis­tun­gen ist es euch gelun­gen, die Lebens­leis­tun­gen in die­sem wei­ten Land zu ver­bes­sern.”

2003
Aus Nisch­ni Tagil und Kras­no­turinsk im mitt­le­ren Ural sowie zahl­rei­chen ande­ren Städ­ten Russ­lands wer­den Ini­tiativen zum Geden­ken an den Jah­res­tag des Uka­ses vom 28. August 1941 über die Depor­ta­ti­on der Russ­land­deut­schen gemel­det und Gedenk­ta­feln ent­hüllt.

2004
28. August: Ein­wei­hung einer russ­land­deut­schen Gedenk­stät­te in Arch­an­gelsk.
Zuneh­men­de Akti­vi­tät ver­mel­det die rus­si­sche Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on „Memo­ri­al“, die sehr umfang­rei­che Gedenk­bü­cher mit Tau­sen­den von Namen und Daten aus den sowje­ti­schen Kriegs- und Ter­ror­jah­ren ver­öf­fent­licht. Am 5. Dezem­ber erhält die Gesell­schaft den „Alter­na­ti­ven Nobel­preis“.

2005
1. Janu­ar: Das Zuwan­de­rungs­ge­setz tritt in Kraft.

2006
Febru­ar: Dr. Chris­toph Berg­ner (CDU) wird neu­er Aus­sied­ler­be­auf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung.
Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt erklärt die dras­ti­schen Kür­zun­gen der Ren­ten für Aus­sied­ler für rech­tens.

Ab 2006
Dras­ti­scher Rück­gang der Spät­aus­sied­ler­zah­len infol­ge des Zuwan­de­rungs­ge­set­zes.

2010
14. und 15. Okto­ber: 8. Sit­zung der Deutsch-Kasa­chi­schen Regie­rungs­kom­mis­si­on in Ber­lin: Dr. Chris­toph Berg­ner: „Die bewähr­ten Hil­fen der Bun­des­re­gie­rung im kul­tu­rel­len, sozia­len und Bil­dungs­be­reich wer­den auch wei­ter­hin dazu bei­tra­gen, dass die deut­schen Volks­zu­ge­hö­ri­gen in Kasach­stan für ihre Zukunft eine gute Per­spek­ti­ve haben und dadurch auch ihrer­seits einen wich­ti­gen Bei­trag zu den guten bila­te­ra­len Bezie­hun­gen bei­der Staa­ten leis­ten kön­nen.“

2011
16. und 17. Mai: 16. Sit­zung der Deutsch-Rus­si­schen Regie­rungs­kom­mis­si­on für die Ange­le­gen­hei­ten der Russ­land­deut­schen in Tomsk: Fort­set­zung der finan­zi­el­len För­de­rung der Deut­schen in der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on.
26. August: Ein­wei­hung des Denk­mals „Den Russ­land­deut­schen — Opfer der Repres­sio­nen in der UdSSR“ in Engels.
9. Dezem­ber: 9. Sit­zung der Deutsch-Kasa­chi­schen Regie­rungs­kom­mis­si­on in Asta­na: Abschluss eines bila­te­ra­len Abkom­mens zwi­schen der Lands­mann­schaft der Deut­schen aus Russ­land und der Asso­zia­ti­on der gesell­schaft­li­chen Ver­ei­ni­gun­gen der Deut­schen Kasach­stans „Wie­der­ge­burt“.

2012
30. und 31. Mai: 17. Sit­zung der Deutsch-Rus­si­schen Regie­rungs­kom­mis­si­on in Zerbst/Anhalt: Dr. Berg­ner betont die Wich­tig­keit bila­te­ra­ler Part­ner­schafts­pro­jek­te, die eine völ­ker­ver­bin­den­de Brü­cke zwi­schen den Zivil­ge­sell­schaf­ten Deutsch­lands und Russ­lands dar­stel­len.

2013
Zahl­rei­che Ver­an­stal­tun­gen in Deutsch­land und der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on zum 250. Jah­res­tag der Aus­wan­de­rung von Deut­schen nach Russ­land.
14. Sep­tem­ber: Das 10. Ände­rungs­ge­setz zum Bun­des­ver­trie­be­nen­ge­setz, mit dem der Nach­zug von Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen von Spät­aus­sied­lern erleich­tert wird, tritt in Kraft.

2014
8. Janu­ar: Hart­mut Kos­chyk (CSU) neu­er Beauf­trag­ter der Bun­des­re­gie­rung für Aus­sied­ler­fra­gen und natio­na­le Min­der­hei­ten

2016
6. Juli: Beschluss des Haus­halts­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges, deut­schen Staats­bür­gern, die zwi­schen dem 1. Sep­tem­ber 1939 und 1. April 1956 Zwangs­ar­beit für einen aus­län­di­schen Staat ver­rich­ten muss­ten, einen sym­bo­li­schen Aner­ken­nungs­be­trag in Höhe von 2.500 Euro zu gewäh­ren.