Teilrehabilitierung

Teilrehabilitierung – Autonomiebestrebungen.

Die Tore öffnen sich.

Am 13. Dezem­ber 1955 erließ das Prä­si­di­um des Obers­ten Sowjets der Sowjet­uni­on ein Dek­ret, wonach die Komman­danturaufsicht und Zwangs­ar­beit auf­ge­ho­ben wur­den.

  • Die Rück­kehr in die ursprüng­li­chen Hei­mat­or­te im euro­päi­schen Teil der Sowjet­uni­on blieb jedoch ver­bo­ten.
  • Auch wur­den die natio­na­len Rech­te der Deut­schen nicht wie­der her­ge­stellt.
  • Sie muss­ten sich ver­pflich­ten, nie wie­der in ihre ehe­ma­li­gen Sied­lungs­ge­bie­te zurück­zu­keh­ren und kei­ne Ansprü­che auf das kon­fis­zier­te Eigen­tum zu erhe­ben.
  • Als sich infol­ge die­ses Dekre­tes etwa 200.000 Russland­deutsche spon­tan für die Aus­sied­lung nach Deutsch­land ent­schie­den, wur­de ihnen auch das ver­wei­gert.

In der Öffent­lich­keit und in der Pres­se wur­den die Deut­schen wei­ter­hin tot­ge­schwie­gen. Die im Dekret zuge­sag­te Hil­fe für den „wirt­schaft­li­chen Auf­bau unter Be­rücksichtigung ihrer natio­na­len Besonder­heiten und Inter­es­sen“ wur­de vor Ort nicht aus­ge­führt.

Erleich­te­run­gen, aber die
Schi­ka­nen gehen wei­ter

Trotz­dem erleich­ter­te das Dekret auf­grund der nun mög­li­chen, wenn auch ein­ge­schränk­ten Bewe­gungs­frei­heit das Los der Russ­land­deut­schen.

Die 1958/59 zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der UdSSR ver­ein­bar­te Aus­reise der Russ­land­deut­schen zum Zwe­cke der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung mit in der Bundes­republik Deutsch­land leben­den Ver­wand­ten ers­ten Gra­des brach­te lei­der nur einen kurz­fris­ti­gen Anstieg der Aus­rei­se­ge­neh­mi­gun­gen.

Obwohl sich beim DRK bin­nen kur­zem die Anträ­ge zu Hundert­tausenden türm­ten, durf­ten zwi­schen 1959 und 1970 nur rund 15.000 Per­so­nen aus­rei­sen. Die Geneh­mi­gungs­pra­xis der sowje­ti­schen Behör­den war schlep­pend, will­kür­lich und schi­ka­nös.

Mit dem „Tau­wet­ter“ in der Ost­po­li­tik der 1960er Jah­re ent­spann­te sich die Lage der Russland­deutschen ein wenig. Mit dem Dek­ret vom 29. August 1964 des Prä­si­di­ums des Obers­ten Sowjets wur­den die Deut­schen nach 23 Jah­ren von der pau­scha­len Beschul­di­gung des Ver­rats frei­ge­spro­chen. Lei­der blieb die­se längst fäl­li­ge Reha­bi­li­tie­rung jedoch ohne die erhoff­ten Fol­gen.
Nach dem bis­her Erlit­te­nen konn­te das die Deut­schen aber nicht abschre­cken: Mit dem Mut der Ver­zwei­fel­ten brach­ten sie eine Bewe­gung zur Wie­der­her­stel­lung der frü­he­ren Auto­no­mie ins Rol­len. Die Sicher­heits­kräf­te des KGB erstick­ten aber sämt­li­che Akti­vi­tä­ten mit immer här­te­ren und bru­ta­le­ren Mit­teln bis zum aus­drück­li­chen Ver­bot aller Auto­no­mie­be­stre­bun­gen im Jahr 1968.

Der am 12. August 1970 zwi­schen der Bundes­republik Deutsch­land und der UdSSR abge­schlos­se­ne Ver­trag über gegen­sei­ti­gen Gewalt­verzicht brach­te zwar eine Ver­bes­se­rung des Kli­mas hin­sicht­lich der Deut­schen im All­ge­mei­nen und der Russ­land­deut­schen im Beson­de­ren.

Doch außer einem vor­über­ge­hen­den Anstieg der Ausreise­genehmigungen und der Ein­be­zie­hung der Russ­landdeutschen in den Erlass der Regie­rung vom 3. Novem­ber 1972 über die Gewäh­rung der Frei­zü­gig­keit für alle Sow­jetbürger gab es kei­ne Ver­bes­se­rung der Lage für die Volks­grup­pe.

Auch die Unter­zeich­nung der Schluss­akte der „Kon­fe­renz über Sicher­heit und Zusammen­arbeit in Euro­pa“ (KSZE) in Hel­sin­ki am 1. Au­gust 1975 durch die Sowjet­re­gie­rung ergab kei­ne kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen für die Deut­schen in der UdSSR.

Erst Anfang der 1980er Jah­re konn­ten die Russ­landdeutschen mit ihrer For­de­rung nach Auto­no­mie wie­der in die Öffent­lich­keit tre­ten. So war es mög­lich, dass in den Jah­ren 1988 und 1989 drei Dele­ga­tio­nen von Russland­deutschen aus allen Tei­len der UdSSR mit einer ein­drucks­vol­len Zahl von Unter­schrif­ten in Mos­kau für die Auto­no­mie vor­stel­lig wer­den konn­ten.

Der Durch­bruch in den deutsch-sowje­ti­schen Be­ziehungen war schließ­lich mit dem von Bundes­kanzler Dr. Hel­mut Kohl und Prä­si­dent Michail Gor­bat­schow 1990 abge­schlos­se­nen „Abkom­men über gute Nach­barschaft und Zusam­men­ar­beit zwi­schen der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land und der UdSSR“ geschafft. 

Sied­lungs­ge­bie­te der Deut­schen aus Russ­land
Teil­neh­mer der zwei­ten Dele­ga­ti­on der Russ­land­deut­schen, die 1967 in Mos­kau die Wie­der­her­stel­lung der Wol­ga­re­pu­blik for­der­te
Unter Bun­des­kanz­ler Dr. Hel­mut Kohl und Prä­si­dent Michail Gor­bat­schow öff­ne­ten sich für die Deut­schen in der Sowjet­uni­on die
Tore in die Bun­des­re­pu­blik