Eine Bilanz des Schreckens

1914–1918: Ins­ge­samt sol­len im Ver­lauf des I. Welt­krie­ges etwa 200.000 rus­si­sche Staats­bür­ger deut­scher Her­kunft Zwangs­ver­schi­ckung erle­ben. Wie vie­le die Stra­pa­zen der Aus­sied­lung, die lan­ge Fahrt in den über­füll­ten Zügen und die Ent­beh­run­gen in den Bestim­mungs­or­ten nicht über­lebt haben, lässt sich nicht ein­mal annä­hernd fest­stel­len. Auf jeden Fall han­delt es sich um Tau­sen­de Men­schen­le­ben.

1918–1922: Die Zahl der Hun­ger- und Bür­ger­kriegs­op­fer allein unter den Wol­ga­deut­schen – inner­halb und außer­halb des Auto­no­men Gebiets, die Hun­ger­flücht­lin­ge mit ein­ge­rech­net – wird auf 108.000 geschätzt. Für das Schwarz­meer­ge­biet ist von 50.000–60.000 Toten aus­zu­ge­hen. Unter Ein­be­zie­hung ande­rer Sied­lungs­räu­me in Sibi­ri­en, Zen­tral­asi­en und Zen­tral­russ­land sind für die­se Jah­re min­des­tens 180.000–200.000 Opfer unter der russ­land­deut­schen Min­der­heit zu bekla­gen.

1924: Eine wei­te­re Hun­gers­not in der Wol­ga­re­pu­blik von weit gerin­ge­rem Aus­maß als zwei Jah­re davor for­dert etwa 5.000 Men­schen­le­ben.

1928–1932: Über­gang zur Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der selb­stän­di­gen Bau­ern­wirt­schaf­ten, ein­her­ge­hend mit der rest­lo­sen Ent­eig­nung der wohl­ha­ben­den Bau­ern („Kula­ken”) und ihrer Ver­ban­nung nach Kasach­stan und in den Hohen Nor­den. Die Kula­ken­de­por­ta­tio­nen betref­fen bis zu die­sem Zeit­punkt etwa 50.000 Deut­sche. Meh­re­re tau­send wer­den von der GPU (Geheim­po­li­zei) ver­haf­tet und abge­ur­teilt. Die Stra­fen rei­chen von drei­jäh­ri­ger Haft bis zum Erschie­ßen.

1932–1933: Hun­ger­ka­ta­stro­phe an der Wol­ga, in Kasach­stan und in der Ukrai­ne — Fol­ge der über­stürz­ten und unfrei­wil­li­gen Kol­lek­ti­vie­rung. Ins­ge­samt ster­ben nicht weni­ger als 100.000 Russ­land­deut­sche an den Fol­gen der sta­lin­schen „Umge­stal­tung der Land­wirt­schaft”.

1937–1938: Die sowje­ti­sche poli­ti­sche Straf­jus­tiz ver­ur­teilt in die­sen zwei Jah­ren 1.345.000 Per­so­nen, von denen 681.692 erschos­sen wer­den. Nach den bis­lang ver­öf­fent­lich­ten Opfer­lis­ten und der Schät­zung der rus­si­schen Men­schen­rechts­or­ga­ni­sa­ti­on “Memo­ri­al” kos­tet der “Gro­ße Ter­ror” etwa 55.000 Deut­schen das Leben; wei­te­re 20.000 lan­den im Straf­la­ger (GULag).

1942: Durch gehei­me Beschlüs­se des GKO vom 10. Janu­ar, 14. Febru­ar und 7. Okto­ber wer­den im Lau­fe des Krie­ges ca. 350.000 russ­land­deut­sche Jugend­li­che, Frau­en und Män­ner zur Zwangs­ar­beit mobi­li­siert. Dabei sind etwa 60.000 — 70.000 Lager­op­fer zu bekla­gen.

1941–1945: In den Son­der­sied­lungs­or­ten in Sibi­ri­en und Kasach­stan kom­men auf­grund mise­ra­bler Unter­brin­gungs­be­din­gun­gen und feh­len­der Lebens­mit­tel etwa 70.000–80.000 Depor­tier­te ums Leben.

1941–1948: Tau­sen­de und Aber­tau­sen­de – man kann von nicht weni­ger als 15.000 – 20.000 Fäl­len aus­ge­hen – ster­ben in den Nach­kriegs­jah­ren in der Ver­ban­nung vor­zei­tig, vor allem wegen der Hun­gers­not 1946–47.

Zusam­men mit den Umge­kom­me­nen in Zwangs­la­gern und Son­der­sied­lun­gen wer­den die Ver­lus­te der russ­land­deut­schen Min­der­heit in die­sen Jah­ren auf nicht weni­ger als 150.000 — 160.000 Men­schen geschätzt.

Dr. Vik­tor Krie­ger

Vik­tor Hurr: Aus­ge­setzt
Das Titel­bild der 2013 erschie­ne­nen Gedenk­bro­schü­re der Lands­mann­schaft mit Zeich­nun­gen von Micha­el Dis­ter­heft.

Im Schick­sal der Russ­land­deut­schen spie­gelt sich, wie in kei­nem ande­ren Volk, der ers­te Zivi­li­sa­ti­ons­bruch der euro­päi­schen Geschich­te wider, der mit der Macht­ergrei­fung der Bol­sche­wi­ki ein­ge­lei­tet wird und mit dem untrenn­bar das Wort „GULag“ ver­bun­den ist:

  • wahl­lo­se Erschie­ßun­gen im Bür­ger­krieg;
  • Lebens­mit­tel­re­qui­si­tio­nen, die den mil­lio­nen­fa­chen Hun­ger­tod 1921–22 ver­ur­sach­ten;
  • rest­lo­se Ent­eig­nun­gen der Bau­ern­schaft;
  • Depor­ta­tio­nen und Zwangs­ar­beit für min­des­tens zwei Mil­lio­nen wohl­ha­ben­de Bau­ern („Kula­ken“);
  • durch über­stürz­te Kol­lek­ti­vie­rung her­vor­ge­ru­fe­ne Hun­ger­not 1932–33, die wie­der Mil­lio­nen Men­schen das Leben kos­te­te;
  • Kir­chen- und Glau­bens­ver­fol­gun­gen;
  • Mas­sen­ter­ror mit hun­dert­tau­send­fa­chen Jus­tiz­mor­den und Ein­wei­sun­gen von Mil­lio­nen ins Straf­la­ger;
  • Depor­ta­tio­nen seit 1935 und ver­stärkt nach Aus­bruch des II. Welt­krie­ges;
  • und und und…

Auf min­des­tens 20 Mil­lio­nen Men­schen soll­te sich die Zahl der Opfer kom­mu­nis­ti­scher Gewalt­herr­schaft in der UdSSR belau­fen.
Die Russ­land­deut­schen muss­ten unter die­sen und vie­len ande­ren Ver­bre­chen über­durch­schnitt­li­ch lei­den. Nach einer eher kon­ser­va­ti­ven Rech­nung sind von 1917 bis 1948 etwa 480.000 deut­sche Kin­der, Jugend­li­che, Frau­en und Män­ner vor­zei­tig ums Leben gekom­men: erschos­sen, erfro­ren, ver­hun­gert, an Ent­kräf­tung und Krank­hei­ten gestor­ben. Eine gra­vie­ren­de Zahl für eine Eth­nie, die Anfang der 50er Jah­re des vori­gen Jahr­hun­derts ledig­li­ch um die 1,35 Mil­lio­nen Men­schen zähl­te.

Aus: Dr. Vik­tor Krie­ger, Hei­del­berg,
„Das kol­lek­ti­ve Gedächt­nis
der russ­land­deut­schen Bun­des­bür­ger“