1937/38 – Jahre des „Großen Terrors“

1937/38 – Jahre des „Großen Terrors“

Oft wird der Ein­druck erweckt, die Ver­fol­gung der Deut­schen in Russ­land bzw. der Sowjet­uni­on habe erst mit dem Erlass des Prä­si­di­ums des Obers­ten Sowjets der Sowjet­uni­on vom 28. August 1941 „Über die Über­sied­lung der Deut­schen, die in den Wol­ga­rayons woh­nen“ begon­nen. Davon kann jedoch kei­ne Rede sein.

2012 etwa gedach­te die Lands­mann­schaft der Deut­schen aus Russ­land neben der Ver­brin­gung deut­scher Frau­en und Män­ner in die sowje­ti­schen Zwangs­ar­beits­la­ger auch des „Gro­ßen Ter­rors“ in der Sowjet­uni­on, der so genann­ten sta­li­nis­ti­schen Säu­be­run­gen, die in den Jah­ren 1937 und 1938 ihren Höhe­punkt hat­ten.

Als Grund für die mas­sen­haf­te Ver­fol­gung von Min­der­hei­ten wird u.a. die deut­li­che Wen­de in der sowje­ti­schen Innen­po­li­tik ab Mit­te der 1930er Jah­re mit einer zuneh­men­den Abkap­se­lung vom Aus­land genannt. Man arg­wöhn­te, aus­län­di­sche Staa­ten könn­ten durch natio­na­le Min­der­hei­ten schäd­li­che Ein­flüs­se ins Land brin­gen.

Kaum einer der Ver­haf­te­ten und Ver­ur­teil­ten hat­te sich etwas zuschul­den kom­men las­sen. Es herrsch­te blan­ke Will­kür, und es genüg­ten Denun­zia­tio­nen und halt­lo­se Ver­däch­ti­gun­gen, um die Men­schen für immer aus ihren Fami­li­en zu rei­ßen.
Ver­ur­teilt wur­den sie in Pseu­do­ge­richts­ver­fah­ren, in denen ihnen anti­sowjetische Tätig­keit zur Last gelegt wur­de. Sie wur­den ver­ur­teilt ohne jeden Beweis für eine Ver­feh­lung oder auf­grund von Geständ­nis­sen, die unter Fol­ter zustan­de gekom­men waren. 

  • Bis zum 16.11.1937 wur­den im Zuge der „Deut­schen Ope­ra­ti­on“ gegen 2.554 Per­so­nen Urtei­le gefällt; 2.294 die­ser Per­so­nen wur­den zum Tode, 74 zu zehn Jah­ren Lager und 168 zur Ver­ban­nung ver­ur­teilt.
  • Zum 10.1.1938 war die Anzahl der zum Tode Ver­ur­teil­ten auf 8.597 ange­stie­gen.
  • Bis zum 15.11.1938 wur­den Ver­fah­ren gegen 56.787 Per­so­nen durch­ge­führt. Davon wur­den Urtei­le gegen 55.005 Per­so­nen ver­hängt. 41.898 Per­so­nen wur­den zum Tod durch Erschie­ßen, 10.247 zu zehn Jah­ren Haft, 1.913 zu fünf bis acht Jah­ren Haft im Bes­se­rungs­ar­beits­la­ger ver­ur­teilt.
  • Die meis­ten Todes­ur­tei­le wur­den gegen die Ver­haf­te­ten in der Ukrai­ne (18.005 Per­so­nen), in den Regio­nen Kras­no­dar (2.784) und Altaj (2.412) sowie in den Gebie­ten Nowo­si­birsk (2.548) und Lenin­grad (2.536) ver­hängt.

Unter dem Ter­ror die­ser Jah­re hat­ten alle Völ­ker der Sowjet­uni­on zu lei­den, in beson­de­rem Maße aber Min­der­hei­ten wie Polen, Deut­sche, Let­ten, Esten, Ira­ner oder Fin­nen. So stand dem Bevöl­ke­rungs­an­teil der Deut­schen in der Sowjet­uni­on von 0,8 Pro­zent ein Anteil an der Gesamt­zahl der Ver­haf­te­ten von 5,3 Pro­zent gegen­über.

Die His­to­ri­ker N. Ocho­tin und A. Rog­ins­kij kamen in ihrer Unter­su­chung zu dem Ergeb­nis, dass nach allen „natio­na­len“ Ope­ra­tio­nen 335.513 Per­so­nen ver­ur­teilt wur­den, davon 73,66 Pro­zent zum Tode durch Erschie­ßen. Bei der „Deut­schen Ope­ra­ti­on“ lag die­ser Anteil bei 76,17 Pro­zent. Nach ihren Berech­nun­gen wur­den 1937–1938 zwi­schen 69.000 und 73.000 Deut­sche ver­ur­teilt, da­runter 40.000 bis 41.000 nach „natio­na­len“ Ope­ra­tio­nen, 20.000 bis 22.000 im Zuge der „Kula­ken-Ope­ra­ti­on“, der Rest durch Son­der­be­ra­tun­gen des NKWD und Gerich­te.

Ich den­ke an das Jahr 1937, als Sta­lins Häscher im Sep­tem­ber in unser Dorf kamen und 54 Män­ner ver­haf­te­ten und nach Sibi­ri­en ver­bann­ten. Kei­ner kam jemals wie­der.
Ich war damals sie­ben Jah­re. Je älter ich wer­de, des­to mehr den­ke ich an die­se Nacht. Was waren die letz­ten Gedan­ken mei­nes Vaters? Wie ist er gestor­ben? Wo ist sein Grab? Wir hat­ten nicht ein­mal die kleins­te Chan­ce, uns vom Vater zu ver­ab­schie­den. Noch heu­te nagt der Schmerz in unse­ren Her­zen.
Es leben nicht mehr vie­le von der Erleb­nis­ge­ne­ra­ti­on; ihre Nach­fah­ren wis­sen nur wenig über die­se schreck­li­che Zeit. Ich habe ver­ge­ben, ver­ges­sen kann ich jedoch nie­mals! Möge Gott unse­re Kla­ge hören und die Welt­öf­fent­lich­keit unse­re Toten in ihre Gebe­te mit ein­schlie­ßen!

Nel­ly Däs