Wirtschaftliche Blüte

Leistungen der Deutschen in Russland – Wirtschaftliche Blüte

Der Auf­bau einer Exis­tenz war für die Sied­ler in den ers­ten Jah­ren sehr schwer: Das raue Kli­ma und der anders beschaf­fe­ne Boden brach­ten Miss­ern­ten, Über­fäl­le von Noma­den­stäm­men for­der­ten Opfer. 

Viktor Aul: Verschleppung.
Vik­tor Aul: Ver­schlep­pung.

Mit viel Gott­ver­trau­en, Fleiß, Spar­sam­keit und Opfer­be­reit­schaft konn­ten die Kolo­nis­ten die­se har­te Anfangs­zeit über­win­den und im Lau­fe der fol­gen­den Jahr­zehn­te einen außer­ge­wöhn­li­chen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung bewerk­stel­li­gen. Die kul­tu­rel­le und kom­mu­na­le Auto­no­mie als Teil der Pri­vi­le­gi­en ermög­lich­te den Kolo­nis­ten, das von ihnen gewünsch­te Eigen­le­ben zu füh­ren:

• Sie wähl­ten Schul­zen oder Ober­schul­zen, die der Gemein­de­ver­wal­tung vor­stan­den und die unte­re Gerichts­bar­keit aus­üb­ten.
• Deutsch war Ver­wal­tungs-, Gerichts- und Umgangs­spra­che.
• Sie bau­ten ihre eige­nen Schu­len mit Deutsch als Unter­richts­spra­che.
• Sie errich­te­ten Kir­chen nach ihren Vorstel­lungen, und der Got­tes­dienst wur­de in deut­scher Spra­che gehal­ten.
• Sie pfleg­ten in Fami­lie und Dorf­ge­mein­schaft die mit­ge­brach­ten Mund­ar­ten, Sit­ten und Gebräu­che.

Kirche (Bild Viktor Hurr) u
Kir­che (Bild Vik­tor Hurr)

Der Kin­der­reich­tum der deut­schen Sied­ler führ­te schon in der zwei­ten Gene­ra­ti­on zu Land­man­gel. Daher wur­de vom Pri­vi­leg des Zukaufs von Land aus­gie­big Gebrauch gemacht. Neue Län­de­rei­en in ande­ren Tei­len des Rus­si­schen Zaren­rei­ches wur­den aus­fin­dig gemacht. So kamen zu den ursprüng­li­chen 304 Mut­ter­ko­lo­ni­en 3.232 Toch­ter­ko­lo­ni­en hin­zu.

wappen-lmdr Die Ähre der Lands­mann­schaft der Deut­schen aus Russ­land ruht auf schwar­zem Grund, dem zwei­er­lei Bedeu­tung zukommt: Zum einen sym­bo­li­siert er die frucht­ba­re schwar­ze Erde, die zur Grund­la­ge des Wohl­stan­des der Deut­schen aus Russ­land wur­de. Zum ande­ren steht er für die Trau­er um die Opfer der sta­li­nis­ti­schen Ver­fol­gung vor allem in den 30er und 40er Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 lebten 1,7 Millionen Deutsche in Russland mit einem Landbesitz von 13,4 Millionen Hektar. Nur 4,4 Prozent der Deutschen lebten in Städten.

Militärlazarett in Helenendorf, Kaukasus
Mili­tär­la­za­rett in Helen­en­dorf, Kau­ka­sus

Auf­grund ihrer Leis­tun­gen genos­sen die deut­schen Ein­wan­de­rer in ganz Russ­land hohes Anse­hen. Ihre Zuver­läs­sig­keit und Ordnungs­liebe, ihr Fleiß und ihre Spar­sam­keit wur­den von Rus­sen, Ukrai­nern, Geor­gi­ern, Kasa­chen und ande­ren Völ­kern sehr geschätzt.

In die­ser Atmo­sphä­re der Aner­ken­nung und Wert­schät­zung konn­ten die deut­schen Kolo­nisten in den ers­ten 100 Jah­ren nach ihrer Ansied­lung in Wohl­stand und ohne Pro­ble­me mit ihren Nach­barn leben.

Land­wirt­schaft und Vieh­zucht sowie im Süden Wein­bau waren die Haupt­er­werbs­zweige. Die Pro­duk­te waren von bes­ter Güte und vor allem in den Städ­ten sehr geschätzt. 

Odessa - Zentrum der Schwarzmeerdeutschen und Symbol ihrer Kultur und ihres Wohlstands.
Odes­sa — Zen­trum der Schwarz­me­er­deut­schen und Sym­bol ihrer Kul­tur und ihres Wohl­stands.

Hand­werk und Indus­trie ent­fal­te­ten sich zunächst im land- und haus­wirt­schaft­li­chen Bereich. Auf­grund der her­vor­ra­gen­den Qua­li­tät erober­ten die Erzeug­nis­se bald den gesam­ten rus­si­schen Markt. So deck­ten im Jahr 1911 die deut­schen Groß­be­trie­be zur Her­stel­lung land­wirt­schaft­li­cher Maschi­nen und Gerä­te 6,2 Pro­zent des gesam­ten rus­si­schen Bedarfs.

Auch in den Städ­ten wie Mos­kau, St. Peters­burg, Sara­tow, Odes­sa, Tif­lis, Omsk und Tasch­kent, wo nur ein gerin­ger Teil der Deut­schen leb­te, präg­ten sie das wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Leben. Ihr Ein­fluss reich­te von Gesetz­ge­bung, Staats­füh­rung und Mili­tär­we­sen bis hin zu Wis­sen­schaft und Kunst, Archi­tek­tur, Tech­nik und Wirt­schaft.

Getreidespeicher in Marxstadt, Wolga.
Getrei­de­spei­cher in Marx­stadt, Wol­ga.

Bis heu­te erin­nern die St. Micha­els- und die St. Peter-und Paul-Kir­che in St. Peters­burg oder die „Deut­sche Vor­stadt“ in Mos­kau, der „Lutheri­sche Hof“ in Odes­sa und die „Deut­sche Stra­ße“ in Sara­tow an das Wir­ken der Deut­schen.