Wirtschaftliche Blüte

Leistungen der Deutschen in Russland – Wirtschaftliche Blüte

Der Auf­bau einer Exis­tenz war für die Sied­ler in den ers­ten Jah­ren sehr schwer: Das raue Kli­ma und der anders beschaf­fe­ne Boden brach­ten Miss­ern­ten, Über­fäl­le von Noma­den­stäm­men for­der­ten Opfer.

Mit viel Gott­ver­trau­en, Fleiß, Spar­sam­keit und Opfer­be­reit­schaft konn­ten die Kolo­nis­ten die­se har­te Anfangs­zeit über­win­den und im Lau­fe der fol­gen­den Jahr­zehn­te einen außer­ge­wöhn­li­chen wirt­schaft­li­chen Auf­schwung bewerk­stel­li­gen. Die kul­tu­rel­le und kom­mu­na­le Auto­no­mie als Teil der Pri­vi­le­gi­en ermög­lich­te den Kolo­nis­ten, das von ihnen gewünsch­te Eigen­le­ben zu füh­ren:

• Sie wähl­ten Schul­zen oder Ober­schul­zen, die der Gemein­de­ver­wal­tung vor­stan­den und die unte­re Gerichts­bar­keit aus­üb­ten.
• Deutsch war Ver­wal­tungs-, Gerichts- und Umgangs­spra­che.
• Sie bau­ten ihre eige­nen Schu­len mit Deutsch als Unter­richts­spra­che.
• Sie errich­te­ten Kir­chen nach ihren Vorstel­lungen, und der Got­tes­dienst wur­de in deut­scher Spra­che gehal­ten.
• Sie pfleg­ten in Fami­lie und Dorf­ge­mein­schaft die mit­ge­brach­ten Mund­ar­ten, Sit­ten und Gebräu­che.

Der Kin­der­reich­tum der deut­schen Sied­ler führ­te schon in der zwei­ten Gene­ra­ti­on zu Land­man­gel. Daher wur­de vom Pri­vi­leg des Zukaufs von Land aus­gie­big Gebrauch gemacht. Neue Län­de­rei­en in ande­ren Tei­len des Rus­si­schen Zaren­rei­ches wur­den aus­fin­dig gemacht. So kamen zu den ursprüng­li­chen 304 Mut­ter­ko­lo­ni­en 3.232 Toch­ter­ko­lo­ni­en hin­zu.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 lebten 1,7 Millionen Deutsche in Russland mit einem Landbesitz von 13,4 Millionen Hektar. Nur 4,4 Prozent der Deutschen lebten in Städten.

Auf­grund ihrer Leis­tun­gen genos­sen die deut­schen Ein­wan­de­rer in ganz Russ­land hohes Anse­hen. Ihre Zuver­läs­sig­keit und Ordnungs­liebe, ihr Fleiß und ihre Spar­sam­keit wur­den von Rus­sen, Ukrai­nern, Geor­gi­ern, Kasa­chen und ande­ren Völ­kern sehr geschätzt.

In die­ser Atmo­sphä­re der Aner­ken­nung und Wert­schät­zung konn­ten die deut­schen Kolo­nisten in den ers­ten 100 Jah­ren nach ihrer Ansied­lung in Wohl­stand und ohne Pro­ble­me mit ihren Nach­barn leben.

Land­wirt­schaft und Vieh­zucht sowie im Süden Wein­bau waren die Haupt­er­werbs­zweige. Die Pro­duk­te waren von bes­ter Güte und vor allem in den Städ­ten sehr geschätzt.

Hand­werk und Indus­trie ent­fal­te­ten sich zunächst im land- und haus­wirt­schaft­li­chen Bereich. Auf­grund der her­vor­ra­gen­den Qua­li­tät erober­ten die Erzeug­nis­se bald den gesam­ten rus­si­schen Markt. So deck­ten im Jahr 1911 die deut­schen Groß­be­trie­be zur Her­stel­lung land­wirt­schaft­li­cher Maschi­nen und Gerä­te 6,2 Pro­zent des gesam­ten rus­si­schen Bedarfs.

Auch in den Städ­ten wie Mos­kau, St. Peters­burg, Sara­tow, Odes­sa, Tif­lis, Omsk und Tasch­kent, wo nur ein gerin­ger Teil der Deut­schen leb­te, präg­ten sie das wirt­schaft­li­che und kul­tu­rel­le Leben. Ihr Ein­fluss reich­te von Gesetz­ge­bung, Staats­füh­rung und Mili­tär­we­sen bis hin zu Wis­sen­schaft und Kunst, Archi­tek­tur, Tech­nik und Wirt­schaft.

Bis heu­te erin­nern die St. Micha­els- und die St. Peter-und Paul-Kir­che in St. Peters­burg oder die „Deut­sche Vor­stadt“ in Mos­kau, der „Lutheri­sche Hof“ in Odes­sa und die „Deut­sche Stra­ße“ in Sara­tow an das Wir­ken der Deut­schen.

Viktor Aul: Verschleppung.

Kirche (Bild Viktor Hurr)

Militärlazarett in Helenendorf, Kaukasus

Odessa — Zentrum der Schwarzmeerdeutschen und Symbol ihrer Kultur und ihres Wohlstands.

Getreidespeicher in Marxstadt, Wolga.