Kultureller Aufschwung – Verkehrung ins Gegenteil

Die Kir­chen
Das kirch­li­che Leben hat­te für die Kolo­nis­ten eine ganz beson­de­re Bedeutung.

Ihre evan­ge­li­schen, katho­li­schen und men­no­ni­ti­schen Kir­chen­ge­mein­den stan­den zwar unter dem Schutz der Zaren, wie es in den Pri­vi­le­gi­en ver­brieft war. Sie hat­ten aber kei­nen Anspruch auf mate­ri­el­le Unter­stüt­zung. Auch eine Hil­fe aus der Hei­mat war wegen des Mis­si­ons­ver­bots für die christ­li­chen West­kir­chen im Rus­si­schen Reich nicht möglich.

Die Kir­chen von Mes­ser (oben) und Schä­fer, von Art­jom Uffel­mann bei einer Wol­ga­rei­se 2012 auf­ge­nom­men im nas­sen Kol­lo­di­umver­fah­ren, einem Nega­tiv-Ver­fah­ren aus der Früh­zeit der Fotografie.

Dadurch waren die Gemein­den auf die Opfer­be­reit­schaft der Gläu­bi­gen ange­wie­sen. Neue Theo­lo­gen zu bekom­men, war schwie­rig, die weni­gen Geist­li­chen wur­den daher von den Leh­rern tat­kräf­tig unterstützt.

Es ent­wi­ckel­te sich bei den Deut­schen in Russ­land eine kul­tur­ge­schicht­lich wohl ein­ma­li­ge Gemein­schafts­form zwi­schen bür­ger­li­cher und kirch­li­cher Gemein­de, die wie­der­um eine tra­gen­de Säu­le bei der Iden­ti­täts­wah­rung war. Damit sind auch die zahl­rei­chen und präch­ti­gen Kir­chen­bau­ten selbst in klei­ne­ren Sied­lun­gen zu erklären.

Die Schu­len
Das Schul­we­sen der Deut­schen nahm in Russ­land eben­falls eine Son­der­stel­lung ein.

Die Schul­fra­ge war weder im Mani­fest Katha­rinas noch in sei­nen Durchfüh­rungs­bestim­mungen ent­hal­ten, weil es in Russ­land bis Anfang des 20. Jahr­hun­derts kein staat­li­ches Schul­we­sen gab.

So waren die Kolo­nis­ten sich selbst über­las­sen und schu­fen aus dem Nichts ein spä­ter für ganz Russ­land vor­bild­li­ches Schul­system. Die deut­schen Ein­wan­de­rer waren sich vom ers­ten Tag der Ansied­lung an des­sen bewusst, dass der­je­ni­ge, der sei­ne Mut­ter­spra­che nicht mehr spricht, sei­ne natio­na­le Iden­ti­tät verliert.

Schul­trä­ger waren neben Stif­tun­gen und Schul­ver­ei­nen die Kir­chen­ge­mein­den. In jeder Sied­lung gab es eine 4-klas­si­ge Grund- oder Ele­men­tar­schu­le. Schon bald ent­stand als Modell für alle deut­schen Kolo­ni­en eine wei­ter­bil­den­de Schul­art, die Zen­tral­schu­le, in der auch die Leh­rer­aus­bil­dung statt­fand. Spä­ter kamen Leh­rer- und Pre­di­ger­se­mi­na­re, Gym­na­si­en sowie Han­dels- und Land­wirt­schafts­schu­len dazu. Auch zwei deut­sche Taub­stum­men­an­stal­ten wur­den eingerichtet.

Oben: Lehrer und Schüler 1915 in Alt-Rotowka, Gebiet Rostow am Don. Unten: Die ehemalige Mädchenschule in Chortitza am Dnjepr.
schule_chortitza Oben: Leh­rer und Schü­ler 1915 in Alt-Rotow­ka, Gebiet Ros­tow am Don. Unten: Die ehe­ma­li­ge Mäd­chen­schu­le in Chor­titza am Dnjepr.

Zeit der Reformen
Abschaf­fung der Sonderrechte

Die Blü­te des Deutsch­tums in Russ­land fand mit Alex­an­der II. (1855–1881) ein jähes Ende. Er war nach dem ver­lo­re­nen Krim­krieg (1853–1856) gezwun­gen, weit­ge­hen­de innen­po­li­ti­sche Refor­men ein­zu­füh­ren, die das Leben und die Rechts­stel­lung der Deut­schen in Russ­land tief­grei­fend ver­än­der­ten. Die bei der Ansied­lung „auf ewi­ge Zei­ten“ gewähr­ten Pri­vi­le­gi­en wur­den auf­ge­ho­ben und die Deut­schen allen ande­ren Bür­gern des Rus­si­schen Rei­ches gleich­ge­stellt. Beson­ders schwer wirk­ten sich dabei die Auf­he­bung der Selbst­ver­wal­tung und die Aus­deh­nung der Wehr­pflicht auch auf die Deut­schen aus, was vor allem die Men­no­ni­ten sehr schwer traf.

Zar Alex­an­der III. (1881–1894) stei­ger­te die begon­ne­ne Rus­si­fi­zie­rung der Deut­schen noch beträcht­lich: In den deut­schen Schu­len wur­de 1891 in allen Fächern die deut­sche Spra­che abge­schafft und die rus­si­sche ein­ge­führt. So war die Bewah­rung der deut­schen Iden­ti­tät auf die Kir­chen und Fami­li­en beschränkt.

Trotz einer vor­über­ge­hen­den Erleich­te­rung im Zuge der so genann­ten Klei­nen Revo­lu­ti­on (1905–1907) gewann die rus­sisch-chau­vi­nis­ti­sche und pan­sla­wis­ti­sche Bewe­gung immer mehr Ein­fluss auf die rus­si­sche Poli­tik. Die Ableh­nung und der Hass gegen die Deut­schen – vor allem ihre Leis­tun­gen und Erfol­ge – wur­den bei der rus­si­schen Intel­li­genz und beim Besitz­bür­ger­tum immer stärker.