Auswanderung nach Russland

Deutsche wandern nach Russland aus

Zarin Katha­ri­na II.
Zar Alex­an­der I.

Es waren kei­ne Aben­teu­rer, die in der zwei­ten Hälf­te des 18. Jahr­hun­derts und im 19. Jahr­hun­dert ihre Hei­mat ver­lie­ßen und nach Russ­land gin­gen. Es waren durch­weg ehr­sa­me und flei­ßi­ge Bau­ern und Hand­wer­ker.

Als Grün­de für die Aus­wan­de­rung wer­den genannt:

• wirt­schaft­li­che Not und Miss­stän­de in Deutsch­land infol­ge von Krie­gen (7-jäh­ri­ger und Napo­leo­ni­scher Krieg),
• Hee­res- und Fron­diens­te für die eige­nen Fürs­ten und die frem­den Mäch­te,
• poli­ti­sche Unter­drü­ckung durch die eige­nen Fürs­ten und die frem­de Besat­zung,
• Miss­ern­ten und Hun­ger,
• Beein­träch­ti­gung der Glau­bens­frei­heit.

Das Mani­fest
manifestneu
Zarin Katha­ri­na II. (1762–1796) hat­te am 22. Juli 1763 ein Mani­fest erlas­sen, in dem Aus­län­der ein­ge­la­den wur­den, sich in Russ­land anzu­sie­deln. Die reform­freu­di­ge Mon­ar­chin – die ers­te Deut­sche auf dem Zaren­thron – woll­te haupt­säch­lich mit deut­schen Bau­ern und Hand­wer­kern den wirt­schaft­li­chen Auf­schwung ihres noch in der Leib­ei­gen­schaft ver­har­ren­den Lan­des för­dern. Um den Erfolg ihres Auf­ru­fes zu garan­tie­ren, räum­te sie den Ansied­lungs­wil­li­gen groß­zü­gi­ge Pri­vi­le­gi­en ein: 

  • unent­gelt­li­che Zuwei­sung unbe­bau­ten Lan­des
  • Erlaub­nis zum Kauf wei­te­rer Grund­stü­cke
  • Steu­er­frei­heit bis zu 30 Jah­ren
  • Gewer­be­frei­heit
  • Befrei­ung vom Mili­tär­dienst
  • freie Reli­gi­ons­aus­übung
  • kul­tu­rel­le Auto­no­mie
  • kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung
  • völ­li­ge Frei­heit zum Ver­las­sen des Lan­des
  • Rei­se­bei­hil­fen u.a.m.

Die Aus­rei­se erfolg­te in meh­re­ren Strö­men, von denen die wich­tigs­ten genannt sei­en:

• Der Zug an die Wol­ga ab 1764 (unter Zarin Katha­ri­na II.) auf dem See­weg über die Nord- und Ost­see und St. Peters­burg. Die 1764–1767 nach Russ­land aus­ge­wan­der­ten Kolo­nis­ten sie­del­ten auf bei­den Sei­ten der unte­ren Wol­ga (Bergseite/West­ufer und Wiesenseite/Ostufer) in 104 Kolo­ni­en. Davon waren 31 katho­lisch und über 60 evan­ge­lisch. Am 29. Juni 1764 wur­de die ers­te deut­sche Kolo­nie Nischna­ja Dobrin­ka gegrün­det. 1914 gab es bereits 192 deut­sche Dör­fer, 152 evan­ge­li­sche, 38 katho­li­sche und zwei gemisch­te.
• 1802–1859 wan­der­ten fast 110.000 Deut­sche in das Schwarz­meer­ge­biet aus. Auf der Donau ging es zum Schwar­zen Meer, auf die Krim und in den Kau­ka­sus. Die Besied­lung begann unter Katha­ri­na II. und fand unter Zar Alex­an­der I. ihren Höhe­punkt. Der ers­te grö­ße­re Ein­wan­de­rungs­strom in das Schwarz­meer­ge­biet fand zwi­schen 1789 und 1797 statt, der zwei­te gro­ße Schub folg­te zwi­schen 1804 und 1824.
• Ab 1789 wan­der­ten men­no­ni­ti­sche Sied­ler aus West­preu­ßen in die süd­rus­si­schen Gebie­te ein und grün­de­ten Mut­ter­ko­lo­ni­en, unter ande­rem im Gebiet Sapo­ro­sch­je.
• Aus ins­ge­samt 204 deut­schen Mut­ter­ko­lo­ni­en ent­stan­den im Schwarz­meer­ge­biet spä­ter über 1.800 Toch­ter­ko­lo­ni­en.
• Eine beson­de­re Grup­pe bil­de­ten die Wol­hy­ni­en­deut­schen, die sich zu ver­schie­de­nen Zei­ten im 19. Jahr­hun­dert in pol­nisch-rus­si­schen Grenz­re­gio­nen (in den Gebie­ten um Row­no, Schi­to­mir, Nowo­grad­w­o­lynsk) nie­der­lie­ßen. 1816 bis 1861 wan­der­ten West­preu­ßen, Rhein­län­der, Pfäl­zer und Schwa­ben nach Wol­hy­ni­en aus.
• Bis zum Jah­re 1871 stieg die Zahl der Deut­schen in die­sen Regio­nen auf etwa 28.560, die in ca. 139 Kolo­ni­en leb­ten. 1889 waren es bereits 102.139 Sied­ler.

Nach oft mona­te­lan­gen, ent­beh­rungs­rei­chen Rei­sen kamen die Sied­ler an ihren Bestim­mungsorten an. Aus dem Nichts ent­stan­den ihre Sied­lun­gen, streng nach Kon­fes­si­on getrennt und oft nach den zurück­ge­las­se­nen Dör­fern und Städ­ten der Hei­mat benannt.

Die Sied­ler kamen vor­wie­gend aus Hes­sen und dem Süd­wes­ten Deutsch­lands – aus Baden, Würt­tem­berg, der Rhein­pfalz und dem Elsass –, aber auch aus Dan­zig-West­preu­ßen und der Ober­lau­sitz.